v. Hinüber'scher Familienverband

Geschichtliche Kurzdarstellung

Die evangelische Familie v. Hinüber ist ein aus dem Herzogtum Berg stammendes Geschlecht, das mit Heyne Darover / Daerover zu Hetterscheid bei Heiligenhaus, Bezirk Düsseldorf, 1398 bis 1410 urkundlich zuerst erscheint und mit Lewe Henover / Heynover zu Hetterscheid 1434 bis 1437, Hinrich / Hinrick / Heynrick Henover 1474 bis 1493 und Dietrich ten Oever 1554 bezeugt wird, ohne dass sich eine direkte Vorfahrenschaft bisher nachweisen lässt.
Hinüberhof in Hetterscheidt, Bergisches Land; Skizze von Oskar-Leuer v. Hinüber, um 1910 Der Familienname stammt wohl von der Bezeichnung des genannten Anwe­sens, einem Behan­digungs­gut, das 1331 erstmalig ur­kund­lich erwähnt wird. Aus Hen Oever / ten Oever / Hin Oever / Henoever ist dann Anfang des 17. Jahrhunderts hochdeutsch "Hinüber" geworden.

 

1. Generation

Die sichere Stammreihe beginnt mit Neveldt / Neulden / Nolgen (Arnold) Hen Oever, gest. um 1583, der 1554 nach dem Tod des Dietrich ten Oever (Vater oder Onkel?) vom Abt der Abtei Werden (Essen) mit dem Gute Hin Oever zu Hetterscheid im Herzogtum Berg behandigt (belehnt) wird.

2. Generation

Sein Sohn Leuer / Ludger Henoever übernahm am 21. März 1569 als Bergischer Landsaß das väterliche Gut (Hinüberhof), nachdem er sich mit seinen Geschwistern auseinander gesetzt hatte. Offiziell belehnt wurde er vom Abt der Abtei erst 1583 nach dem Tode seines Vaters.

3. Generation

Sein ältester Sohn Rütger Hinüber erbte, nachdem er sich mit seinen beiden Brüdern, Mathias und Hans d.Ä., sowie seinen vier Schwestern verglichen hatte, 1610 den sog. Hinüberhof. Dieser blieb dann über weitere vier Generationen noch etwa 200 Jahre lang im Hinüber'schen Besitz, ehe er 1803 in die weibliche Linie überging.

4. Generation

Posthof zu Hannover, 1672
Familienmitglieder der 4. Generation legten den Grund­stein für das norddeutsche Post­wesen. 1637 richtete in Hildesheim Rütger Hinüber (um 1600 - 1665, Sohn des Hans d.Ä.), der zunächst als selbständiger Rats­weinschenk, Handelsmann und Fuhrunternehmer tätig war, eine reitende Post nach Köln ein und wurde 1640 zum offiziellen Fürstl. braunschw.-lüne­burgischen Postmeister bestellt.
1660 übernahm Hans Hinüber (1618 - 1680; Sohn des Mathias) das gesamte Postwesen von seinem Vetter Rütger und erwarb 1671 nach Rütgers Tod von dessen Sohn Johann Conrad auch den Hannover'schen Posthof für damals 300 Reichstaler und baute am selben Platz ein Jahr später einen größeren Posthof. Dieser stellte 275 Jahre lang den Mittelpunkt der Hinüber'schen Familie dar, bis er am 25.03.1945 einem Luftangriff zum Opfer fiel. Rütger ist der Stammvater der - wohl erloschenen - Hildesheimer Linie der Familie; die Nachkommen von Rütger sind nicht weiter im Postwesen tätig gewesen.

5. Generation

Nach dem Tod seines Vaters Hans Hinüber übernahm dessen ältester Sohn Anthon Johann Hinüber (1655 - 1719) die hannoversche Postverwaltung. Er ist der letzte gemeinsame Vorfahre aller im Familienverband zusammengeschlossenen Zweige der Familie. Sein Bruder Ernst Andreas Hinüber (geb. 1659) - wurde Postmeister in Einbeck und der Begründer der inzwischen erloschenen Einbecker Linie; ein weiterer Bruder, Carl Hinüber (1661 - 1737), wurde Oberpostmeister in Hann.Münden und Begründer der Mündener Linie der Familie.

6. Generation

Die drei Söhne von Anthon Johan wurden die Stammväter der verschiedenen - zum Teil geadelten - Linien der Hinüber'schen Familie:
  1. Ernst Andreas Hinüber (1693 - 1722), Kurfürstl. braunschw.-lüneburgischer Oberpostkommissar und Postmeister zu Hannover, übernahm den Posthof. Er ist über seinen Sohn Jobst Anton als Stammvater der geadelten Jobst-Anton-Linie anzusehen.
  2. Christian Carl (v.) Hinüber (1694 - 1752), Königl. dänischer Amtsvogt zu Hatten und Wardenburg und Herr auf Hundesmühlen, war Stammvater der als adelig anerkannten, später erloschenen Hundesmühler Linie.
  3. Johann Heinrich v. Hinüber (1695 - 1775), Königl. großbrit.- und Kurfürstl. braunschw.-lüneburgischer Oberamtmann und seit 1770 Drost in der später oldenburgischen Stadt Wildeshausen und wurde Begründer der 1775 geadelten Wildeshäuser Linie der Familie. Außerdem gab es noch die Danziger Linie und die Einbecker Linie, die aber nach dem Stand der Forschung erloschen sind.

7. Generation

Jobst Anton v. Hinüber, Porträt um 1758 Jobst Anton v. Hinüber (1718 - 1784), der einzige Sohn des Ernst Andreas Hinüber, erbte nach dem Tod seines Vaters den Posthof in Hannover und wurde nach dem Jurastudium in Göttingen Post­meister und Postkommissar zu Hannover. 1760 erhielt er die Amtmannsstelle des Klosters Marienwerder und wurde Pächter des Klostergutes. Ab 1767 legte er dort einen englischen Land­schafts­garten an (siehe auch Hinüber'scher Garten im öffentlichen Bereich dieser Web-Seite), 1763 wurde er zum Königl. großbrit.- und Kurfürstl. hann. Legationsrat ernannt. Außerdem war er erster General-Wegbau-Intendant des Kurfürstentums Hannover (1764) und Mitbegründer der Königl. großbrit. Kurfürstl. braunschw.-lüneb. Landwirtschaftsgesellschaft zu Celle (1764). 1765 wurde er geadelt.
Carl Heinrich v. Hinüber (1723 - 1792) war das dritte von neun Kindern des Johann Heinrich v. Hinüber. Er war Jurist, zunächst in diplomatischen Diensten, ab 1752 Informator der Princes of Wales, so auch des späteren Königs Georg III. Bei dessen Inthronisierung (1760) wurde er Wirklich Geheimer Sekretär bei der Deutschen Kanzlei in London, später Legationsrat und Geheimer Justizrat (1768).
Sein Bruder, Justus Wilhelm v. Hinüber (1729 - 1808), war Oberamtmann und Oberpostkommissar zu Wildeshausen.

8. Generation

Jobst Anton v. Hinüber hatte drei Söhne:
  1. Gerhard Friedrich Otto v. Hinüber (1752 - 1815), Königl. hann. Hofrat, folgte seinem Vater als Amt­mann zu Marien­werder, General-Wegbau-Intendant und Postmeister zu Hannover. Er war seit 1800 Mitglied des General­post­direktoriums und während der napoleonischen Besetzung Mitglied der Exekutiv-Kommission.
  2. Christian Carl v. Hinüber (1759 - 1825) war Königl. hann. Major und seit 1800 Direktor des Postamtes in Göttingen.
  3. Dr. jur h.c. Adolf Friedrich Burchard v. Hinüber (1769 - 1845) war Königl. hann. Direktor der Justizkanzlei zu Hannover, Mitglied des Staatsrates, Kanonikus des Stiftes zu Einbeck und Besitzer des Posthofes. Er war kinderlos verheiratet.
Kloster Marienwerder und Hinüber'scher Garten; Zeichnung von G.L.F. Laves, 1849
Aus der Wildeshäuser Linie sind in dieser Generation drei Familienmitglieder zu nennen:
    1. Georg Charlotte v. Hinüber (1764 - 1828), Sohn des Carl Heinrich v. Hinüber, verdankt seine beiden Vornamen den Taufpaten König Georg III. und Königin Charlotte. Er war 1794 bevollmächtigter Minister in Den Haag und 1797 am Kaiserl. Hof zu Wien, dann Königl. hann. Geheimer Legationsrat und Geheimer Kabinettsrat und schließlich seit 1816 Generalpostdirektor in Hannover. Er war nicht verheiratet.
    2. Eduard Christoph Heinrich v. Hinüber (1767 - 1833), Bruder des zuvor genannten, nahm als Offizier zunächst am englischen Kolonisationskrieg in Indien (1781 - 1792) und von 1793 bis 1795 am Ersten Koalitionskrieg in den Niederländen teil. Von 1803 bis 1815 gehörte er zum Offiziers-Corps der "King German Legion", das auf vielen Schlachtfeldern Europas gegen Napoleon kämpfte. Er avancierte 1811 zum Generalmajor und 1818 zum Generalleutnant. Nach dem Sturz Napoleons vertrat er bei der Militärkommission der Deutschen Bundesversammlung in Frankfurt am Main die hannoverschen Interessen. Dieser Ast der Familie ist erloschen.
    3. Heinrich Conrad Leuer v. Hinüber (1762 - 1833), Sohn des Justus Wilhelm v. Hinüber, Oberamtmann in Ehrenburg bei Sulingen und Friedensrichter im Königreich Westfalen.
 
Die Geschichte der Familie v. Hinüber kann in dieser kurzen Darstellung nicht vollständig wiedergegeben werden - in einigen Zweigen können heute mehr als 14 Generationen zurück verfolgt werden. Von Gerhard v. Hinüber, Christian Carl v. Hinüber bzw. Heinrich Conrad Leuer v. Hinüber (Vorfahren der 8. Generation) stammen alle im heutigen Familienverband zusammengeschlossenen Familienangehörigen ab.

 

(v. Hinüber'sches Familienarchiv; Dipl.-Ing. Hartmut v. Hinüber, Burgdorf)